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Oberschlesien und das Phänomen der Grenze im Werk Horst Bieneks


Die Veröffentlichung, die wir Ihnen präsentieren, ist das Endprodukt der im Mai 2003 stattgefundenen Konferenz, welche im Rahmen der durch das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit angeregten und im jährlichen Zyklus stattfindenden Veranstaltungsreihe, die Leben und Werk ausgewählter schlesischer Dichter, Schriftsteller und Intellektueller vorstellen. Bis jetzt haben wir das Leben und Schaffen solcher herausragender Persönlichkeiten wie: Joseph von Eichendorff, August Scholtis, Angelus Silesius sowie Andreas Gryphius präsentiert.

Am Anfang sollte man die Tatsache betonen, dass Horst Bienek, hoch verdientem Sohn der Stadt Gleiwitz - durch Vertreter oberschlesischer Geistes- und Kultureliten auch "der Stadtpoet Gleiwitzs" genannt - nach der Wende im Jahre 1989 weder eine Konferenz über sein Werk noch eine populärwissenschaftliche Veröffentlichung gewidmet wurde. Mit solcher Initiative sind bis heute weder kulturelle Eliten in Gleiwitz noch die Stadtverwaltung von Bieneks Heimatstadt hervorgegangen. Aus diesem Grund ist diese Publikation mit Redebeiträgen, die während der - auf Anregung des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Kooperation mit dem Institut der Germanistik an der Schlesischen Universität organisierten und mit finanzieller Unterstützung durch die Stadtverwaltung der Stadt Gleiwitz und der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit durchgeführten - Konferenz z.T.: "Oberschlesien und das Phänomen der Grenze im Werk Horst Bieneks" vorgetragen wurden, die erste Veröffentlichung, die sich ausgewählten Aspekten aus Leben und Werk des Gleiwitzer Schriftstellers widmet.

Das Ziel der Konferenz bestand darin, zu einem breiteren historischen Bewusstsein bezüglich des multinationalen und multikulturellen Erbes beizutragen, insbesondere des deutschen Kulturerbes der Stadt und Region. Die reichhaltige Eigenart dieser Region gelangt weiterhin nur schwer ans Bewusstsein nicht nur von Einwohnern anderer Teile Polens, sondern selbst Oberschlesiens. Für beide Seiten bleibt die Eigenart dieser Landschaft (wenn auch in unterschiedlichem Grade) ein Zeichen überwundener oder ignorierter Fremdartigkeit, selten einer Bewunderung, um diesen Landstrich als seinen neuen Lebensraum zu akzeptieren. Dem letzten Streben kann die Literatur am besten helfen, denn s ie kann vor dem Auge des Lesers die verborgenen Schichten existenzieller Geologie enthüllen. Das beste Beispiel für eine solche, im kulturellen Sinne gegenseitig befruchtende Rolle der Literatur ist unserer Meinung nach das Schaffen des deutschen Schriftstellers aus Gleiwitz. Aus dieser Erkenntnis und Überzeugung speist sich unsere Hoffnung, dass die vorliegende Veröffentlichung, ähnlich wie die Bücher Bieneks, zur Popularisierung des Schaffens und der Botschaft dieses "Stadtpoeten Gleiwitzs" beitragen wird. Die Popularisierung des Schaffens des deutschen Gleiwitzers sollte eine Sache des Herzens und des Geistes werden, besonders deshalb weil Bienek, ein Mensch des deutsch-polnischen Grenzgebietes, allem Trotz entgegen eine Annäherung der Deutschen und Polen in Oberschlesien anstrebte. Genauso kannte, verstand und achtete er die oberschlesische Eigenart, aus diesem Grunde berief er sich auf die unterschiedliche Sprachkultur, Mentalität, Haltung sowie Identität, welche die multikulturelle Tradition des oberschlesischen Grenzgebietes formte und auch heute weiterhin prägt. Mehrmals betonte er, dass die Zukunft dieser Region von einem friedlichen Neben- und einem wirklichen Miteinander unterschiedlicher Identitäten, ja vom regen Interesse an der Kulturlandschaft des jeweils anderen sowie von einer wahrlich partnerschaftlichen Zusammenarbeit aller in Oberschlesien Lebenden abhängen wird. Einzig eine solche Einstellung zur Geschichte und Kultur dieser Region, welche den Einsatz in die Entwicklung der Kultur, Technik, Wissenschaft als auch der Wirtschaft der über Jahrhunderte hier lebenden Deutschen nicht ausschließt, kann zu einem interessanten und nützlichen Abenteuer mit dem deutschen Teil des Erbes Oberschlesiens werden, welcher noch auf seine Entdeckung wartet.

Horst Bienek, Autor des Romanzyklus über die Heimatstadt Gleiwitz ("Die erste Polka", "Septemberlicht", "Zeit ohne Glocken", "Erde und Feuer"), Chronist traumatischer Erlebnisse als Gefangener im sowjetischen Lager Workuta, hätte in diesem Jahre das 73. Lebensjahr vollendet. Er starb am 7. Dezember 1990 in München, hinterließ als literarisches Erbe einige Dutzend Romane, Gedicht- und Essaysammlungen, Erinnerungsskizzen, Drehbücher und eine umfangreiche, bisher noch immer nicht veröffentlichte Korrespondenz. Er war ein um das wahrhaftige Wort bemühter, verantwortlicher Schriftsteller, gewissenhaft bei der Heranziehung geschichtlicher Ereignisse und Fakten, genau in seinen Beschreibungen. Die Handlung seiner Romane verlegte er in die Wirklichkeit Oberschlesiens, entwarf hervorragende Bilder der Grenzlandmenschen, die aus verschiedenen gesellschaftlichen und nationalen Kreisen herkamen. Dabei wies er auf die in der Geschichte der Provinz erscheinende Kulturvielfalt hin, mit der sie kennzeichnenden Toleranz und Offenheit gegenüber den Fremden und Zugewanderten. Seine Bücher enthalten weit mehr als nur die Rekonstruktion von Erinnerungsbildern aus der im deutschen Gleiwitz verbrachten Kindheit. Sie rufen heute die für die Geschichte Oberschlesiens wichtigen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse ins Gedächtnis und sind eine Ehrenbezeigung für die Menschen dieser Landschaft.

Man kann sehr wohl feststellen, dass die Konferenz ein Erfolg war. Davon zeugt die Stimmung in der Erwartungsphase, ihr Verlauf sowie großes Interesse vor allem junger Menschen - Schüler höherer Klassen sowie Studenten, denen deutsche Kulturschaffende aus Oberschlesien nur bruchstückhaft oder gar nicht bekannt sind. Würde Bienek die heutige Zeit miterleben und Augenzeuge der ökonomischen und politischen Umbrüche der letzten zehn Jahre in Oberschlesien sein, so wäre er möglicherweise ein Chronikschreiber der neuen Zeit. Sein Werk würde man als etwas Lebendiges und Gegenwärtiges in der literarischen und kulturellen Landschaft Gleiwitzs ansehen, so wie man heute in Polen und insbesondere in Danzig und Kaschuben die Prosa des deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Günter Grass empfängt. Um so mehr ist es unsere gemeinsame Aufgabe, auch aus dem deutschen Kulturerbe unserer Region zu schöpfen. Hier lebte eine Vielzahl von Künstlern, Schriftstellern, Denkern, objektiven Zeitzeugen und geduldigen Berichterstattern des Daseins. Die Erinnerung an s ie ist im Schlaf versunken, und im Schlaf versunkene Erinnerung ist Vergessenheit.

Die Verfasser des zweisprachig bearbeiteten (und in zwei getrennten Publikationen herausgegebenen) Bandes u. d. T. "Oberschlesien und das Phänomen der Grenze im Werk Horst Bieneks", der sich an einen breiten, nicht nur auf Oberschlesien begrenzten Leserkreis richtet, stellen die Person und das Leben des Schriftstellers vor und konzentrieren sich dabei auf wenig bekannte, bisher unbeachtete Aspekte seines Schaffens. Es geht einerseits um die Topographie des oberschlesischen Grenzlandes, andererseits um das Phänomen der Kulturvielfalt und der Grenze, um die Frage nach der Identität der Oberschlesier, ihrer Sprache und ihres verwirrenden Schicksals. Diese Probleme, vor einem breit umrissenen gesellschaftlich-historischen Hintergrund aufgezeigt und auf die gegenwärtige Rezeption der Bücher von Horst Bienek bezogen, lassen sein literarisches Werk im neuen Lichte sehen und dem Gewebe der Romangeschichten viele aktuelle Inhalte und Weisungen entnehmen. So kann man jedem, der zu dieser Veröffentlichung greift wünschen, dass die Lektüre ein Anfang des Endes einer selektiven Wahrnehmung einer der interessantesten Regionen des heutigen Europas sein wird.

Erhältlich im Buchladen HAUSBOOKS.pl

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