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"Die Welt", 10. Juni 2008 /  Von Philip Cassier

Deutsch-polnische Freundschaft

Bei einer Ausstellungseröffnung in Berlin sitzen Fußball-Fans beider Nationen gemeinsam vor dem Bildschirm

Berlin - Den schönsten Satz spricht an diesem Abend der polnische Botschafter Marek Prawda, noch bevor das große Spiel angepfiffen ist. Mit 3:1 Toren hatte seine Mannschaft des diplomatischen Korps am Nachmittag die Kollegen vom Auswärtigen Amt vom Platz gefegt. Nun steht Prawda im Berliner "Haus des Sports", direkt neben dem Olympiastadion gelegen, um die Ausstellung über Fußball in Oberschlesien zu eröffnen, lächelt verschmitzt und sagt: "Eigentlich haben wir nur gespielt, damit wir jetzt ordentlich Durst haben." Das Gelächter von 50 Menschen - manche in polnischen, manche in deutschen Trikots - ist herzlich und spontan. Und das Motto für den Abend steht fest: Entspannung.

Man hätte eine solche Atmosphäre bei einer Veranstaltung wie dieser, zu der die Deutsch-Polnische Gesellschaft eingeladen hat, wohl ohnehin erwarten dürfen. Doch dieses Mal gab es im Vorfeld hartnäckige Störenfriede. Eine polnische Boulevardzeitung beispielsweise hatte die Aufforderung an Polens Nationaltrainer Leo Beenhakker - nebenbei ein Niederländer - veröffentlicht, der Nation die Köpfe von Bundestrainer Joachim Löw und Kapitän Michael Ballack zu bringen, aufgemacht war das Ganze als schaurig-blutige Fotomontage.

Das lieferte trotz aller folgenden Entschuldigungen im polnischen Lager Grund zur Vermutung, dass das Miteinander selbst im "Haus des Sports" ein wenig getrübt werden könnte. Der Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin, Christian Schröter, war im Vorfeld der Veranstaltung jedenfalls verärgert ob dieser "absoluten Geschmacklosigkeit".

Zur Ausstellungseröffnung reißt Schröter aber schon wieder Witze. Er zitiert Gründe, die laut der "Bild"-Zeitung Deutschen Anlass dazu geben, die Polen zu lieben. Also unter anderem, dass sie uns die Nationalspieler Klose, Podolski und Trochowski überlassen haben. Wieder Gelächter. Eine gute Überleitung für Marcin Wiatr, der die Ausstellung - Plakate mit Lebensläufen von Kickern aus Oberschlesien, die entweder für Polen oder für Deutschland spielten und spielen -, konzipiert hat.

Er spricht davon, dass er die Geschichte dieses Landstrichs, der so häufig Zankapfel zwischen Deutschen und Polen war, einmal anders erzählen wollte als über das Schicksal von Vertriebenen. Deswegen die Fußballer - und man lernt, dass neben Klose und Podolski auch Größen wie der 54er-Weltmeister Fritz Laband aus Oberschlesien stammen. Wiatr unterhält die Anwesenden noch mit der rührenden Anekdote, dass in seiner Heimat Gleiwitz Jungen mit einem deutschen Podolski-Trikot auf der Straße kicken - und gar keinen Begriff davon haben, dass er einer anderen Nation angehört, weil er für sie einfach ein Oberschlesier ist. Dies sei das Ziel der Ausstellung: Zu zeigen, dass gerade in einer alten Grenzregion wie Oberschlesien sich ein Denken breit mache, das enge nationale Kategorien überwinde.

Dann beginnt endlich das Spiel, und auf der Terrasse, wo der Sommerwind sanft vom Olympiastadion herweht, wird es bei deutscher Bratwurst und polnischem Tyskie-Bier ein wenig lauter. Bereits nach wenigen Sekunden gibt es im österreichischen Klagenfurt ein Missverständnis zwischen dem deutschen Torwart Lehmann und dem Verteidiger Mertesacker. Manche polnische Ehefrauen lachen ihre deutschen Männer aus - es sind einige zweisprachige Familien gekommen -, und die Männer fangen reflexartig an, auf dem deutschen Torwart herumzuschimpfen, wie Fußballfans das eben so tun.

Das 1:0 der Deutschen nimmt die polnische Fraktion stoisch zur Kenntnis - selbst dass ausgerechnet Lukas Podolski trifft, ruft höchstens ein fatalistisches Grinsen hervor. Wie hatte Marcin Wiatr, der im gleichen Stadtteil wie Podolski aufwuchs, gesagt? "Egal, wie es heute ausgeht, Oberschlesien gewinnt immer." Genauso gelöst wird die Stimmung bis zum Ende des Spiels bleiben - und damit zwei Wahrheiten stützen: Erstens, dass Ressentiments nur da gedeihen, wo Menschen nicht zueinanderkommen. Und zweitens, dass der Sport mit ein bisschen gutem Willen ein Miteinander fördert, wie es Politik allein nicht erwirken kann.

 



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